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Vorwort
Vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussionen zwischen den Vertretern
verschiedener Fachrichtungen um die Zuständigkeit für den alternden
Mann unterstreicht folgendes aktuelles Beispiel aus meiner Praxis die
dringende Notwendigkeit einer ganzheitlichen Vorgehensweise bei der Betreuung
der Betroffenen. Die Tragweite einer nur fachspezifischen Betrachtungsweise
wird am Schicksal dieses Mannes besonders deutlich.
Hormone sind biologische
Multifunktionäre. Um so wichtiger erscheint es, den Blick der Kollegen
auf die Existenz der altersbedingten hormonalen Verschiebungen, deren
Erkennung und die - wie im vorliegenden Fall dramatischen - Folgen zu
lenken.
Ein
Fall aus der Praxis
Einleitung
Die Möglichkeiten,
auch Männer im höheren Alter von den Vorteilen der Substitution
mit Sexualsteroiden entsprechend profitieren zu lassen, werden heute leider
noch zu selten genutzt. Die Informationslücken werden andererseits
überwiegend mit Hilfe pauschaler Vorurteile abgetan. Mißverständnisse
in diesem Bereich überraschen nicht, da man sich erst seit einem
Jahrzehnt über altersbedingte Hormondefizite bei klinisch gesunden
Männern Gedanken macht.
Definition
Der wohl aktuelle
Modetrend: Männer brauchen den Männerarzt! Während Gynäkologen,
Urologen, Internisten im sinnlosen Wettstreit um den alternden Mann verharren,
leiden die Betroffenen weiter. "Wenn es um endokrinologische Fragestellungen
bei der Behandlung älterer männlicher Patienten geht, sind wohl
am ehesten die Urologen verantwortlich", meint der Präsident
des Berufverbandes Deutscher Urologen, Dr. Schalkhäuser. Dabei wünschen
sich Männer in erster Linie eine ganzheitliche Versorgung durch kompetente
Ärzte. Wie jedoch der folgende aktuelle Fall aus der Praxis deutlich
macht, geht es hier in erster Linie um endokrinologische Kompetenz und
nicht um fachärztliche Zuständigkeit.
Verlauf
Ein Mann, der wie
er selbst sagt, " in gesunden Zeiten die Bäume reihenweise ausreißen
konnte" und eine ausgezeichnete Position als Geschäftsführer
in einem sehr großen Industrieunternehmen inne hat, verliert lange
unbemerkt an Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Im April
1999 sind dem Patienten bewusst die ersten Beschwerden aufgefallen: Ohrensausen,
erhöhter Blutdruck (210/145 mm Hg), psychische und körperliche
Erschöpfung. Nach der Untersuchung beim Hausarzt im Juni erhielt
der Patient daraufhin einen Betablocker. In der Folgezeit kam es zu Brennen
in den Armen, in den Beinen und am ganzen Körper. Dazu kamen "extreme
Konzentrationsstörungen", der Patient konnte nicht mehr lesen,
fernsehen.
Ein zwei Monate später
aufgesuchter Neurologe stellte dann die Diagnose: Depression. Eine fachärztliche
Behandlung erfolgte jedoch zunächst nicht. Der Patient hat sich wochenlang
völlig zurückgezogen und war selbst für seine Angehörigen
kaum noch ansprechbar. Auf Betreiben seiner entsetzten Familie folgte
schließlich eine Einweisung in eine psychiatrische Privatklinik.
Dort bekam der Patient Antidepressiva und Sedativa und ging nach einer
vorübergehenden Verbesserung seines Zustandes nach ca. 2,5 Wochen
wieder arbeiten. Nur vier Tage später wurde er erneut zur stationären
Behandlung in eine psychiatrische Uni-Klinik eingewiesen. Während
einer Konsiliaruntersuchung durch den Internisten wurde durch den Kollegen
auch die Möglichkeit einer Hormonstörung als Ursache für
die Depression angesprochen. Eine Hormonbestimmung erfolgte jedoch nicht.
Auf 41/2 Monate stationärer Behandlung folgten noch zwei Monate einer
teilstationären Behandlung. Der Patient fühlte sich zunehmend
immer schlechter - "Mitte März 2000 war die Kraft zu Ende"
- bis er dann die folgenden vier Monate erneut stationär "mit
den unterschiedlichsten Antidepressiva und Psychotherapie" behandelt
wurde.
Auf ärztlichen
Rat musste der Patient schließlich seine Berufstätigkeit aufgegeben
und in den Vorruhestand gehen. Sein Zustand verschlechterte sich in den
folgenden Monaten wieder kontinuierlich. Nun hatte er "Schmerzen
am ganzen Körper, insbesondere Rückenschmerzen, daneben eine
fast totale Antriebsarmut, Libidoverlust etc., insgesamt eine miserable
Lebensqualität". Verzweifelt suchte er nach Hilfe.
Mitte Dezember 2000
stellte sich der Patient in meiner Praxis vor. Vor mir stand ein großer
aber sehr unsicherer und letztlich psychisch und körperlich sehr
leidender Mann. Der erhobene Hormonstatus war pathognomonisch: der 57-jährige
Patient hatte dabei sehr niedrige Testosteron- und Östradiolwerte.
Der Mann ist entscheidend von seinen Sexualhormonen geprägt und gesteuert.
Das betrifft nahezu alle Organe und auch die Psyche. Eine unverzüglich
eingeleitete adäquate Substitution brachte bereits nach vier Wochen
eine Stabilisierung der Hormonparameter am unteren Normbereich. Der Zustand
des Patienten hatte sich bereits deutlich verbessert. Noch vier Wochen
später lagen die Hormonwerte im Normbereich.
Das Leben dieses Mannes
hat sich heute wieder so weit normalisiert, wie die durch die Erkrankung
eingetretenen gravierenden Veränderungen seiner Lebensumstände,
insbesondere der sehr schmerzlich empfundene Verlust des Berufs, es erlauben.
Die Ehefrau, die Kinder und Enkelkinder haben ihn wieder. Nach und nach
kehren Lebensfreude und Vitalität zurück. Der Patient hat kein
Verständnis dafür, dass bei Verdacht auf Depression nicht als
eine der ersten Maßnahmen zur Abklärung der Ursachen eine Hormonbestimmung
erfolgt, obwohl die möglichen Zusammenhänge "ja inzwischen
offenbar bestens bekannt sind". Von den geklagten Beschwerden berichtet
der Patient lediglich über zur Zeit noch im Vergleich zu früher
geringere Belastbarkeit und Tinnitus bei emotionalem Stress. Er ist aber
durch die bereits nach so kurzer Zeit eingetretenen Behandlungserfolge
optimistisch und glaubt in sich zu verspüren, dass bei Fortsetzung
der Behandlung weitere Verbesserungen seines Gesundheitszustandes eintreten.
Fazit
Mit zunehmendem Lebensalter
lässt bei vielen Männern die Steroidproduktion nach. Eine frühzeitige
und individuelle Hormonsubstitution wird zwar den Menschen keine Jugend
zurückgeben, aber dennoch den Erhalt einer gewohnten Lebensqualität
ermöglichen. Eine Substitution sollten die Ärzte durchführen,
die genügend Sachkenntnis in der Endokrinologie der Steroide besitzen.
Der um Hilfe bittende Mann versteht das Kompetenzgerangel und die standespolitischen
Querelen nicht und braucht aber oft schnelle Hilfe.
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