| Natürliche Alterssexualität |
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Das Thema "Sexualität und Partnerschaft" rückt immer mehr aus der traditionellen Tabuzone heraus und wird Gegenstand fachärztlicher Beratung. In unserer Zeit kann ebenfalls die Sexualität im Alter nicht mehr tabuisiert werden. Der zunehmende Anteil älterer Menschen in unser Gesellschaft stellt uns auch hier neue wichtige Aufgaben. Nachdem die Sexualität im Alter früher mit der Menopause als beendet galt, weiß man heute, daß der Wunsch nach sexuellen Kontakten weiter besteht. Die Untersuchungen
zeigen, daß ältere Leute an Sex nicht nur interessiert sind, sondern auch
häufig daran denken und sich danach sehnen. Das sexuelle Interesse ist
nach wie vor vorhanden, es kommt jedoch zu einer Abnahme erotischer Phantasien
und Träume. Etwa zwei Drittel der älteren Frauen und fast 90 Prozent der
älteren Männer finden Sexualität im Alter wesentlich.
Beim Selbstwertgefühl spielt die Partnerbeziehung eine nicht unerhebliche Rolle. Die Libido, das Lustgefühl, im engeren Sinne das Verlangen nach Lustgewinn durch sexuelle Beziehungen, ist eine tiefwurzelnde Empfindung und ein Grundbedürfnis des Menschen. Sie ist ein wesentlicher Anteil des Lustgewinns und des Selbstgefühls, die der Mensch aus Beziehungen in der Regel zur Person des anderen Geschlechts findet. Viele der allein lebenden älteren Frauen möchten eine zärtliche oder sexuelle Beziehung zu einem männlichen Partner; allerdings bleiben solche Wünsche meist unerfüllt. Die Sexualität des Menschen ist ein kompliizertes Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychischer und sozialer Faktoren und Umwelteinflüsse. Bei alternden Paaren kann es zu einer problematischen Wechselbeziehung zwischen emotionalen und sexuellen Komponenten kommen. Eine solche Wechselbeziehung kann sehr komplex und zum Teil antagonistisch sein und führt in einer Reihe von Situationen zu sexuellen Problemen, z.B.
Funktionelle, hormonelle und morphologische altersbedingte Veränderungen können das Sexualverhalten im Alter ändern, obwohl ältere Frauen zum Teil eher leichter zum Orgasmus kommen als in jüngeren Jahren. Die weibliche Reaktionsfähigkeit (Erregbarkeit und Orgasmusreaktion) bleibt Frauen im wesentlichen unbeeinträchtigt bis ins hohe Alter erhalten. Vielfach nämlich kommt es bei Frauen in den ersten Jahren nach Ausbleiben der Menstruation auch zu einer Steigerung der Libido, die dann meistens schuldhaft verarbeitet wird. Die Libido der alternden Frau korreliert lediglich in einigen Fällen mit der Höhe ihres Östrogenspiegels. Die Menopause beendet auch nicht das Sexualleben der Frau. Um sexuelle Funktionsstörungen und den gestörten Umgang mit den eigenen sexuellen Wünschen zu maskieren, wählen ältere Frauen jedoch aus Schamgefühl und kultureller Tabuisierung oft den Weg der Somatisierung. Nirgendwo sind menschliche Psyche und Körper so eng miteinander verknüpft wie im Bereich der weiblichen Geschlechtsorgane. Jeder Gynäkologe kennt Patientinnen mit vielfältigen Unterleibsbeschwerden ohne nachweisbaren organischen Befund. Der Juckreiz genitalis z.B. kann bei den Betroffenen Ausdruck einer abgewehrten Dauererregung sein oder auch Zerrbild einer allgemein sexuellen Erregung, die keine Entlastung findet. Das reaktive Kratzen stellt dann eine unbewußte Masturbation dar. Andere masturbatorische Ersatzhandlungen wie Duschen, Waschen, Eincremen und weitere Rituale sind möglich. Bei den über 70-jährigen ist Selbstbefriedigung die häufigste Art der Sexualität. Eine Teilgruppe postmenopausaler Frauen benutzt die Wechseljahre oder die damit in Zusammenhang gebrachte Gesundheitsstörungen als Vorwand, um eine - teilweise schon lange! - unbefriedigende sexuelle Beziehung zu beenden. Bei Männern sind die Einflüsse des Alterns stärker ausgeprägt als bei Frauen:
Sexuelle Probleme, die bei insgesamt 42 Prozent der Betroffenen im Alter zwischen 50 und 70 und mit dem Alter weiter steigend genannt wurden - sie resultieren vor allem aus "Mangel an Zärtlichkeit" und "Mangel an sexuellem Kontakt" - ergeben sich für die Damen häufiger aufgrund der nachlassenden Libido, erektilen Dysfunktion und Impotenz des Mannes. Diese wiederum sind sehr stark von der körperlichen Befindlichkeit des Mannes abhängig. Zugrunde liegen können auch Überdruß an "Routine-Sex". Erektionsprobleme sind oft nicht nur Anzeichen seelischer Störungen, sondern auch symbolische Botschaften an die Partnerin. Erektion ist nicht nur eine Frage der Testosteron-Biosynthese, sondern auch der Gefäße, der Nerven und des Gehirns. Wie einige Studien zeigen, ist jeder dritte Mann über 60 Jahren nicht mehr zum Koitus imstande und beendet seine sexuellen Aktivitäten. Die meisten Ehepartnerinnen bleiben dann passiv, unterstützen den Rückzug des Mannes, selbst wenn sie selbst weiterhin sexuelle Interessen haben - die partnerschaftliche Sexualität schläft ein. Der Ausklang des Geschlechtsverkehrs ist meist gleichbedeutend auch mit dem Ende aller intimen Körperkontakte, unerfüllte Wünsche wirken frustrierend. Auf der anderer Seite wird dabei leicht vergessen, daß organische Impotenz nicht auf Männer beschränkt ist. Ein anhaltender Hormonmangel mit herabgesetzter Gleitfähigkeit und Atrophie der Scheide, Lichen sclerosis der Vulva oder eine reduzierte Durchblutung des Beckenbereichs sind einer systemischen oder lokalen Therapie mit Östrogenen leicht zugänglich. Überwiegend problematisch - nicht nur wegen der Harninkontinenz - sind alte Verletzungen der Beckenbodenmuskulatur. Keine signifikanten Effekte hat Hormonsubstitution auf
Aus medizinischer Sicht gibt es keine Gründe dafür, im Alter nicht mehr sexuell aktiv zu sein. Der Körper altert - die Liebe nicht. Es ist eine wichtige Aufgabe, den Mantel des Tabus behutsam zu lüften und den älteren Menschen gezielte Ratschläge für den Umgang mit Liebe und Erotik zu geben. |
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© 2000, Dr. med. Laitenberger |